Schwächen im Produktionsmanagement aufdecken

Wer effizient produzieren möchte, sollte seine Prozesse regelmäßig auf den Prüfstand stellen. Im Interview erklären Stefan Molitor, Senior Consultant bei Felten, und Werner Felten, Geschäftsführer der Felten Group, wie sich typische Schwächen im Produktionsmanagement aufdecken lassen.  

Wenn Sie ein Fertigungsunternehmen fit für die Zukunft machen müssten, wo würden Sie ansetzen?

Molitor: Zunächst einmal würde ich die Prozesse in der Produktion ganzheitlich betrachten und bewerten. Es ist wichtig, alle Standartprozesse zu bewerten, um sie gezielt optimieren zu können und um eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Mit Blick auf die Prozessindustrie würde ich mir alle Abläufe vom Materialeingang, über das Verwiegen der Rohstoffe, Abfüllen und Verpacken des fertigen Produkts bis hin zum Fertigwarenausgang genau anschauen.

Felten: Nach unseren Erfahrungen entstehen dadurch weitere Ansatzpunkte, wie beispielsweise die Konsolidierung von Insellösungen, die Einführung einer systemgestützten Feinplanung, die Reduzierung von Papier in der Fertigung sowie die Optimierung prozessspezifischer Aufgaben wie beispielsweise der Instandhaltung oder des Rezepturmanagements sein. Da gibt es riesige Potenziale.  

Klingt ziemlich komplex und umfangreich. Wo sollten Manager am besten ansetzen? Haben Sie ein paar Tipps?

Molitor: Nach der Prozessbewertung sollte man gezielt die Mitarbeiter miteinbeziehen, um beispielsweise herauszufinden, welche Prozesse aus ihrer Sicht gut laufen. Fragen Sie ganz konkret nach Dingen, die gut funktionieren und nach Reibungspunkten. Sie könnten beispielsweise fragen, wie lange die Mitarbeiter für das Aufschreiben von Prozessdaten beim Mischen brauchen oder wie viel Material beim Verwiegen verschüttet wird.

Felten: Die Ergebnisse sollten Sie genau analysieren und die Verbesserungspotenziale in Euro bewerten. Damit meine ich, dass Sie die Zeit, die Mitarbeiter damit verbringen, Abläufe auf Papier zu dokumentieren, zusammenrechnen und mit deren Stundenlohn multiplizieren.

Material Mehrverbräuche lassen sich ebenfalls in Euro bewerten. Sie werden staunen, auf welch hohen Beträge Sie dabei kommen. Ersetzt man papiergestützte Erfassungsprozesse durch eine digitale Erfassung mit einem MES, so lässt sich ein großer Teil dieser Kosten einsparen. Materialverluste müssen über alle Prozessschritte bilanziert werden. Das gelingt nur mit der Digitalisierung dieser Prozesse in den Wiege- und Mischbereichen.

Welche Rolle spielen standardisierte Kennzahlen?

Molitor: In der Prozessindustrie arbeiten wir mit Kennzahlen, die spezifisch für diesen Industriezweig sind, wie z.B. dem Materialausschuss aber auch mit branchenunabhängigen wie dem OEE. Der steht für Overall Equipment Effectiveness und gibt Aufschluss über die Gesamtanlageneffektivität. Berechnen Sie Kennzahlen wie den OEE und machen Sie damit transparent, wo es gut läuft und wo weniger.

Felten: Stimmt, in vielen Fällen bringt das bereits erst Verbesserungen. Aber Sie sollten die Erkenntnisse aus den Fragebögen und die berechneten Kennzahlen auch mit Ihrem Controlling besprechen. Klären Sie, welchen Einfluss eine Optimierung an der einen oder anderen Stelle auf das Gesamtergebnis, beziehungsweise die Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Produktionsstandorts, haben könnte. Dadurch können Sie die Bedeutung von Investitionen besser abschätzen. Denn merke: mehr Maschinen bedeuten immer auch höhere Abschreibungskosten. Insbesondere bei teuren Abfüll- und Verpackungsmaschinen können Sie so erkennen, ob wirklich eine neue Anlage investiert werden muss, oder ob eine gezielte Verbesserung der Effektivität ausreicht, um den benötigten Output zu produzieren.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung heraus Themen, die sich besonders gut für den Start einer Optimierungsphase eignen?

Molitor: Diese Frage kann ich ganz klar mit Ja beantworten. Die Feinplanung ist ein Thema, das viele Unternehmen schmerzt – insbesondere die Hersteller der Konsumgüter. Sprechen Sie die Mitarbeiter der Feinplanung aktiv an und versuchen Sie, deren Know-how bezüglich optimaler Segmentierung und effizienter Nutzung von Anlagen aus den Köpfen in geeignete IT-Systeme zu bekommen.

Felten: Ich habe schon oft gehört, dass die Planung an wenigen langjährigen Mitarbeitern im Unternehmen hängt und alles zusammenbricht, wenn sie mal nicht da sind. Das kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten. Also gehen Sie es an.

Was kann man tun, um während der Optimierungsphase das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren?

Felten: Erstellen Sie einen Plan. So sehen Sie, was Sie bereits erreicht haben und was noch kommen soll. Orientieren Sie sich dabei immer an den identifizierten Potenzialen. Gliedern Sie den Plan in Phasen und kennzeichnen Sie, wann welcher Bereich dran ist. Damit nehmen Sie die Mitarbeiter aller Ebenen mit. Jede eingesparte Minute, jedes Dokument, dass ich nicht auf Papier ausdrucken muss und jedes Gramm weniger verschüttetes Rohmaterial, sind Geld wert. Um den Fortschritt der Maßnahmen im Auge zu behalten, sollten Sie außerdem immer wieder den Return on Investment (ROI) betrachten. So sehen Sie, welchen Aufwand Sie bereits betrieben haben und was Sie dadurch einsparen konnten. Ganz im Sinne der ganzheitlichen Prozessbewertung ist der ROI ein globales Maß für den Erfolg und die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit.

Was möchten Sie Managern zum Abschluss mit auf den Weg geben?

Felten: Ganz einfach: Analysieren Sie den aktuellen Zustand, identifizieren Sie Potenziale und dann gehen Sie die Themen in einer geeigneten Reihenfolge an. Nur wer anfängt, kann irgendwann Erfolg haben.

Stefan Molitor arbeitet seit 22 Jahren bei Felten und ist als Senior Consultant bei unseren Kunden aus der Prozessindustrie tätig. (Quelle: FELTEN)
Vor 30 Jahren gründete Werner Felten das gleichnamige Software- und Beratungsunternehmen, welches sich seither auf die Entwicklung wegweisender Softwarelösungen für das Produktionsmanagement konzentriert. (Quelle: FELTEN)
Felten GmbH

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