Interview eines Bearbeitungszentrums bezüglich Productivity Mining

Die Autoren sind Christiane und Gerhard Rupp bei getup UG

Folgende Anekdote soll sich in einem größeren, produzierenden Werk zugetragen haben:

Eines Morgens machte einer der Chefs eine Begehung der Produktionshallen.
Es trieb ihn um. Noch nicht einmal die Anforderungen und Auflagen für die Energiewende,
nein, es war der bloße Gedanke: Wie verdienen wir mehr Geld? Wie schaut es aus mit
unserer Produktivität? Woher weiß ich zuverlässig, ob wir ausgelastet sind, und wie steht es
mit unserer Energieeffizienz? Von dem CO2 Footprint ganz zu schweigen.

Mit seiner feinen Anzughose lehnte er sich an eine Maschine und ließ den Blick durch die
Halle mit hunderten Maschinen schweifen. Während seine Gedanken rasten, wurde er
immer müder. Das alles schien eine unlösbare Aufgabe zu sein. Da hinten, im ältesten Teil
der Halle werkelten noch immer die über dreißig Jahre alten Maschinen. In späteren Jahren
war die Produktion gewachsen, waren stetig neue Maschinen angeschafft worden, ganze
Bearbeitungszentren, manche standen weit voneinander entfernt. Wie soll da ein Mensch
durchblicken, wann welche Maschine produktiv ist, wann nicht? Und das bei den wenigen
Leuten, die aus Kostengründen nur zur Verfügung stehen. Noch dazu ist immer jemand im
Krankenstand oder im Urlaub…

Er seufzte.
Plötzlich vernahm er eine Stimme.

„Hey, du. Stehst du bequem? Ich bin die Maschine, an die du dich gerade anlehnst. Soll ich
dir mal was sagen? Ich kann dir deine Fragen beantworten.“

Der Chef erschrak und prüfte erst einmal, ob seine Hose in Ordnung war.

„Wie gibt es denn so etwas?“ dachte er.
„Nun, ihr denkt immer, wir Maschinen müssten von euch verwaltet werden. Ich sage dir,
meine Kolleginnen und ich warten schon lange darauf, dass wir mal mit einem von euch
reden können, dass wir mal zu Wort kommen. Wir hätten da viel zu sagen.“

Seine Hose war sauber und adrett wie stets. Das stimmte den Chef milde, und er sagte:
„Gut, dann schieß‘ mal los. Erzähl‘ mir zuerst mal, bist du eigentlich ausgelastet?“
„Na, da sagst du was. Das ist ja der Knackpunkt.“ Die Maschine klang plötzlich richtig
aufgeregt.
„Du siehst ja, dass ich jetzt gerade nichts zu tun habe. Jetzt pass‘ mal genau auf. Ich zeige dir
etwas.“

„Was soll das denn sein?“, fragte der Chef angesichts der vielen Striche, die ihm nicht sagten.
Daten, Fakten, ja, aber Striche?
„Das, mein Lieber, ist das Rohsignal des Stroms, den ich ziehe, sobald ich „an“ bin. So sieht
das aus. Genau gesagt siehst du hier das Verbrauchsprofil über vierundzwanzig Stunden im
Drei-Schichtbetrieb an fünf Tagen. Du denkst, das sieht doch nach ganz guter Auslastung aus.
Aber warte, gleich wirst du staunen.“

Der Chef seufzte. Noch war er skeptisch.
Die Maschine wechselte das Bild.

„So, nun schau mal. Das hier ist ein Zoom auf ein paar Stunden eines Tages, denn – wie sagt
man – die Musik liegt im Detail.“
„Hier spielt die Musik“ heißt es, dachte der Chef, sagte aber nichts. Denn was er nun zu
sehen bekam, ließ ihn munter werden.
„Wow, ich sehe neben den grünen Streifen – das sind wohl die produktiven Zeiten – etliche
rote. Hast du da geschlafen? Das ist ja heftig.“
„Von wegen geschlafen, schön wär’s. Ich war hellwach, so wie jetzt auch. Und stets bereit
loszulegen. Du siehst ja, dass auch nach zehn Uhr die Kühlpumpen liefen. Und dann kam ein
anderes Rezept.“
„Halt, halt mal. Woran erkennst du das?“
„Warte ab, ich erkläre es dir: in der ersten Grafik siehst du die Rohdaten des Stroms im
Sekundentakt. Diese Daten kommen von Messgeräten, weißt‘ schon, die üblichen…“
„Ja, ja,“ unterbrach der Chef eilig, „keine Schleichwerbung, bitte.“
„Na gut, ich sehe, du weißt Bescheid“, fuhr die Maschine fort. „Aber, der Clou ist: ich habe
mir zusätzlich ein paar Algorithmen ausgedacht…“

Ungläubig schüttelte der Chef den Kopf.

„Doch, hab‘ ich. Denn darüber leite ich meinen Status ab. Produktiv, aus, oder Stand-by.
Und das Ergebnis siehst du im unteren Statusband.“
Um besser zu sehen, beugte sich der Chef näher an die Grafik heran. Er staunte nicht
schlecht. Und die Maschine lauerte, ihm noch mehr erklären zu können.
„Heißt das, du bist imstande aus dem Rohsignal – angereichert mit deinen Algorithmen –
deinen Status abzuleiten?“
„Du hast es erfasst.“ Es war nicht zu überhören, dass die Maschine stolz auf sich war.
„Und du brauchst keine Info von der SPS?“ fragte der Chef.
„Nö! Ich bin universell. Strom ist meine „Sprache“ und die aller elektrisch angetriebenen
Maschinen. Strom ist eine authentische, nicht manipulierbare Datenquelle. Daher passen
meine Algorithmen auf alle Maschinen. Jeden Typs, jeden Alters oder Herstellers. Auch auf
eure alten Möhren da hinten in der Ecke.“

Das musste der Chef erst einmal verdauen.

„Also, nun glaube es mir: das Stromsignal ist ein universeller Supersensor.“
Wieder seufzte der Chef. Er begann die Dimension zu ahnen, die sich aus dieser Möglichkeit
ergab.
„Ich weiß von einer Spinnereimaschine,“ flüsterte die Maschine geheimnisvoll. „Die hatte ein
Typenschild drauf „“Karl-Marx-Stadt.“ Sie hüstelte süffisant. „Fünfzig Jahre im Dienst, und
läuft und läuft und läuft. Muss man schon loben. Aber „dumm“, die wusste nichts über sich.
Da wurde meine Methode angebracht, und schwups, konnte sie erzählen. Funktioniert also
auch bei solchen Oldies.“

Der Chef wurde immer stiller.

„Ich zeige dir noch etwas. Schau hier: nach der Pause zwischen 10 Uhr und 11:30 Uhr wurde
bei mir ein anderes Rezept heruntergeladen.“
„Und woran willst du das nun schon wieder erkennen?“ warf der Chef rasch ein.
„Ganz einfach: am Muster des „Index Activity“. Hier ist es anders als zuvor. Siehst du das?“

Der Chef beugte sich noch weiter vor und nickte unmerklich mit dem Kopf. Langsam
dämmerte es ihm.

„Es ist etwas höher gelagert als zuvor Aber dazu erzähle ich dir gleich noch etwas.“
„Das ist ja wirklich spannend“, sagte der Chef. „Mach‘ mal weiter. Allmählich bekomme ich
eine Ahnung, worauf das hinausläuft. Das ist ja faszinierend!“
„Okay, jetzt gehen wir mal in die Details. Bist du bereit?“

„Was du hier siehst, sind wirklich wertschöpfende Produktionsstunden. Fast alles ist im
grünen Bereich. Kleine Unterbrechungen, aber das passt schon.“
„Jo!“, rutschte es dem Chef heraus. „Da geht was. Da schnurrt es so dahin. Und es kommt
verkäufliches Produkt heraus.“

Ihm wurde richtig warm.
„Geht das immer so?“
„Nö“, maulte die Maschine. „Leider nicht. Ich zeige dir mal meine Problemzonen.“

„Oh, ja, sieht aus wie die Flagge von Helgoland.“ Entspannt hatte der Chef direkt Humor.
„Ja, etwas gesprenkelt,“ alberte die Maschine. „Aber mir geht es darum: du siehst die
kleinen Unterbrechungen. Müssen die sein? Hä?“

Der Chef schwieg.

„Manchmal wird nicht rasch genug nachgeladen. Dann fehlt vielleicht Material, oder was
weiß ich. Jemand, der es einfach tut. Und noch was. Das Bearbeitungszentrum kann auch in
Pausenzeiten beladen sein und selbständig arbeiten. Wir stehen doch alle bereit. Aber
schau, wie häufig die Pausen für die Produktion ungenutzt bleiben.“

„Sieht so aus, als müsste die Maschine Brotzeit machen,“ warf der Chef kleinlaut ein.
„Nee, nee, nee. Das hättest du wohl gerne, aber ich bin hungrig nach Arbeit und könnte auch
in Pausenzeiten werkeln.“

Der Chef grübelte.

„Und was hat es mit der Tabelle auf sich, die du da eingeblendet hast?“
„Ah, die. Diese Tabelle ist für dein Büro gedacht, damit du immer weißt, was Sache ist. Wie
hier: In diesen sieben Stunden lag die Produktivität gerade mal bei 55,08% !“

Nachdenklich fuhr der Chef sich durch die Haare.

„Jetzt mal Hand aufs Herz: wie viel Geld verlierst du – nur du allein – durch diese
unbewussten Stillstandszeiten? Ich meine, das ist ja leicht zu ändern. Dazu muss man aber
davon Kenntnis haben und Maßnahmen ableiten.“
„Aber hallo, ja! Das kann ich dir auf Euro und Cent genau berechnen. In Echtzeit.“
Es entstand eine nachdenkliche Pause. Dann traute sich die Maschine noch hinzuzufügen:
„Du denkst auch dran, dass wir in unproduktiven Zeiten dennoch jede Menge Energie
verbrauchen, ja? Hier sind es fast 13 kWh, wie du der Tabelle entnehmen kannst.“

Das war die Keule. Stand doch gerade das Thema Energieeinsparung um dreißig Prozent bei
gleichzeitiger Produktivitätssteigerung auf der Agenda.
Der Chef raffte sich auf, hatte viel zu verdauen.
Liebevoll gab der Maschine einen Klaps und sagte:
„Du bist ein Goldstück. Ich danke dir. Darum kümmere ich mich jetzt persönlich, denn das ist
blankes Geld. Pure Marge.“

So sieht es aus, dachte die Maschine. Aber schade, dass er jetzt geht, denn ich hätte ihm
gerne noch erklärt, wie man meine Methode für Predictive Maintenance nutzen kann. Geht
auch. Alles aus der Super-Datenquelle Strom.“

Author: getup UG

One Comment

  1. Lena Weirauch

    Sehr schön und verständlich beschrieben, vielen Dank für diesen klasse Beitrag. Ich finde den Ansatz sehr spannend und kann mir gut vorstellen, dass es für viele Firmen interessant ist.

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